Raymond Schorradts Œuvre bewegt sich in dem faszinierenden Spannungsfeld zwischen Expressionismus, modernem Minimalismus und expressivem Informel.
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Regard par les broussailles sur le lac
Öl auf Leinwand
140 x 100 cm
In seinem imposanten Werk Regard par les broussailes sur le lac präsentiert Raymond Schorradt eine großformatige Komposition, die den Betrachter unmittelbar in eine dichte, beinahe meditative Vegetationswelt hineinzieht. Mit den beachtlichen Maßen von 140 x 100 cm gehört diese Arbeit zu den physisch präsentesten Werken der Sammlung und demonstriert Schorradts Fähigkeit, Landschaft nicht nur abzubilden, sondern als atmosphärischen Erlebnisraum zu inszenieren.
Die Geometrie des Blicks und Chiaroscuro der Natur
Die Bildfläche wird durch ein dichtes Geflecht aus tiefgrünen Blättern und floralen Strukturen dominiert, die den Blick wie durch ein Schlüsselloch lenken. Das Bild folgt dabei einer zentripetalen Logik: Alles drängt unweigerlich zum Lichtpunkt in der Mitte. Schorradt nutzt das dicht gestaffelte Gestrüpp (die *Broussailles*) nicht nur als rein florales Motiv, sondern als strukturelles, fast architektonisches Gitter, das dem Bild Halt gibt. Statt mit klassischem Hell-Dunkel arbeitet der Künstler hier mit einem intensiven Grün-Blau-Kontrast. Im Zentrum bricht die Dunkelheit des Gestrücks auf und gibt den Blick frei auf eine lichtdurchflutete, blaue Wasserfläche. Dieser Kontrast zwischen der organischen Schwere des tiefen, fast opaken Waldgrüns und der ätherischen Leichtigkeit des Sees erzeugt eine bemerkenswerte räumliche Tiefe.
Duktus und Akzentuierung
Der Farbauftrag: Der Farbauftrag in Öl wirkt angenehm spontan und lebendig. Man erkennt einen dynamischen Pinselstrich, der die ungezähmte Wildheit des Gestrücks unterstreicht. Die dicke Schichtung der Pigmente verleiht den Pflanzenelementen eine haptische Qualität, während die feine Lasurtechnik im Zentrum die Transparenz des Wassers imitiert.
Die Farbtupfer: Die punktuellen, orange-roten Farbtupfer auf der linken Seite und im unteren Bildbereich fungieren als geschickt gesetzte komplementäre Kontraste. Sie beleben das ansonsten kühle Farbschema und verleihen der Szenerie eine natürliche Vitalität.
Fazit
Regard par les broussailes sur le lac zeigt Raymond Schorradt auf dem Höhepunkt seiner landschaftlichen Abstraktion. Das Werk meidet die fotorealistische Abbildung und fängt stattdessen das eigentliche *Gefühl* ein, durch Unterholz auf einen glitzernden See zu blicken. Ein meisterhaftes Wechselspiel aus Nähe und Distanz, Enge und Weite.
Pair-non-Pair
Öl auf Leinwand
40 x 50 cm
In der Geschichte der modernen Malerei gibt es Momente, in denen die Begegnung mit der tiefen Vergangenheit einen radikalen Vorstoß in die Abstraktion auslöst. Für den Maler Raymond Schorradt war dieser Katalysator der Besuch der Grotte "Pair-non-Pair" Ende der 1970er Jahre. Die dortigen Petroglyphen – zehntausende Jahre alte Gravuren aus dem Aurignacien – hinterließen Spuren, die weit über eine bloße Inspiration hinausgingen. Sie initiierten eine künstlerische Dekonstruktion, die das Fundament für Schorradts spätere, minimalistische Phase legte.
Bildkomposition und archaische Atmosphäre
In seinem Werk Pair-non-Pair setzt sich der Künstler direkt mit der Figuration der paläolithischen Kunst auseinander. Das Bild zeigt eine Komposition aus einem Mammut, einem Steinbock und einem Wisent. Die Tiere sind in erdige Ocker- und Brauntöne eingebettet, die unmittelbar an das nackte Gestein der Höhlenwand erinnern. Schorradt fängt hier die Eleganz der prähistorischen Linie ein. Die Umrisse der Tiere sind zwar schon stark reduziert, aber dennoch klar als Kreaturen erkennbar. Das weiße Stoßzahn-Element des Mammuts bildet einen hellen, prägnanten Akzent im Bild. Abstrakte Zeichen zitieren den mythologischen und rituellen Raum der eiszeitlichen Höhlenwände.
Fazit
Pair-non-Pair ist eine tief empfundene Hommage an die Ur-Künstler der Menschheit. Es ist der Versuch einer meisterhaften Übersetzung von Stein auf Leinwand, bei dem der Künstler die Bewunderung für das archaische Handwerk in den Vordergrund stellt.
Mammouth
Öl auf Leinwand
Format: 50 x 40 cm
Ein radikaler Vorstoss in die Abstraktion. Um das Werk Mammouth zu verstehen, muss man Schorradts Vorläuferwerk betrachten. In seinem Bild Pair-non-Pair setzt sich der Künstler noch mit der Figuration der paläolithischen Kunst auseinander. Wir sehen dort eine Komposition aus Tieren der Steinzeit, eingebettet in erdige Farbtöne. Es ist eine Hommage an die Ur-Künstler, eine Übersetzung von Stein auf Leinwand.
Die Metamorphose
Mit dem Werk Mammouth vollzieht Schorradt einen radikalen Schritt in Richtung des Minimalismus. Er befreit das Motiv von seiner physischen Last und seiner narrativen Umgebung. Was bleibt, ist die reine Idee des Mammuts.
Die Linie als Chiffre
Das Tier ist nicht mehr als Körper präsent, sondern als eine einzige, kühne blaue Kurve. Diese geschwungene Linie ist eine meisterhafte Reduktion der Rückenlinie und des Rüssels, die wir im Vorgängerbild sahen. Das Blau – ein bewusster Bruch mit den Erdtönen der Grotte – entrückt das Motiv der Höhle und überführt es in einen geistigen, fast sphärischen Raum.
Farbe und Atmosphäre
Der Hintergrund ist von einer subtilen, diffusen Farbigkeit geprägt. Sanfte Übergänge von blassem Gelb zu kühlen Grau- und Rosatönen erzeugen eine Atmosphäre von Zeitlosigkeit. Es wirkt wie eine verblasste Erinnerung oder ein Echo aus dem Nebel der Geschichte.
Geometrische Kontrapunkte
Die drei vertikal angeordneten weißen Punkte auf der linken Seite und die scharfkantige, helle Keilform (Stosszahn des Mammuts?) rechts fungieren als kompositorische Anker. Sie bilden einen spannungsvollen Kontrast zur organischen Bewegung der blauen Linie. Diese geometrischen Elemente unterstreichen den Prozess der Abstraktion: Die Natur wird zur Form, die Form wird zum Symbol.
Fazit
Schorradt beweist mit Mammouth eine beeindruckende konsequente Weiterentwicklung. Während Pair-non-Pair noch die Bewunderung für das archaische Handwerk zeigt, ist Mammouth eine intellektuelle Durchdringung desselben. Schorradt gelingt es, die archaische Kraft des eiszeitlichen Giganten in eine zeitgenössische, minimalistische Formsprache zu übersetzen. Er lehrt uns, dass man manchmal alles weglassen muss, um den Kern des Ganzen sichtbar zu machen. Mammouth ist nicht nur ein Bild über ein Tier; es ist ein Bild über die Linie an sich und die Fähigkeit des menschlichen Geistes, aus dem Chaos der Natur eine Ordnung von zeitloser Schönheit zu schaffen.
point yellow
Öl auf Leinwand
40 x 50 cm
Das Werk point yellow von Raymond Schorradt besticht durch eine radikale, fast kontemplative Reduktion. Auf einem Querformat von 40 x 50 cm entfaltet sich ein tiefes, monochromes Farbfeld in leuchtendem Azurblau. Einzig durchbrochen wird diese scheinbar unendliche Weite von einem perfekt gesetzten, kreisrunden gelben Punkt im oberen rechten Quadranten. Die Komposition verweigert sich bewusst jedem narrativen Ballast und lenkt den Blick des Betrachters unmittelbar auf das Zusammenspiel zweier elementarer Kontraste: Form und Farbe.
Die Bauhaus-Tradition und der Konstruktivismus
In der kunsthistorischen Einordnung offenbart Schorradt eine tiefe Verwurzelung in der Form- und Farbenlehre des klassischen Bauhauses sowie im Konstruktivismus. Ganz im Sinne von Johannes Itten und Wassily Kandinsky wird hier das Verhältnis zwischen einer statischen Primärform (dem Kreis) und der atmosphärischen Wirkung von Komplementärtendenzen untersucht.
Optische Dynamik
Das kräftige Gelb des Kreises drängt optisch nach vorn, es strahlt und vibriert, während das kühle, flächig aufgetragene Blau den Hintergrund in eine unbestimmbare Tiefe rückt. Obwohl das Bild streng gegenstandslos ist, erzeugt dieser Simultankontrast eine feine, innere Dynamik – ein optisches Pulsieren.
Textur und Handwerk
Obgleich das digitale Abbild eine makellose Fläche suggeriert, offenbart der präzise Blick auf die Ölstruktur der Leinwand die handwerkliche Komponente des Malprozesses. Das Gelb des Punktes besitzt eine spürbare, pastose Präsenz. Die sichtbaren Spuren des Farbauftrags verleihen dem geometrischen Element ein organisches Leben, eine menschliche Spur inmitten konstruktiver Strenge. Das Blau hingegen ist meisterhaft homogen geführt und bildet das meditative Fundament, das den gelben Kreis wie ein kosmisches Gestirn oder ein reines Lichtphänomen im Raum schweben lässt.
Fazit und Würdigung
point yellow ist ein exemplarisches Meisterwerk des Amriswiler Malers. Es zeigt, dass wahre künstlerische Kraft nicht in der Überbelegung der Leinwand liegt, sondern in der meisterhaften Beherrschung der Auslassung. Durch die asymmetrische, spannungsvolle Platzierung des Kreises entgeht das Bild der Monotonie und fordert den Betrachter auf, den Raum zwischen den Farben selbst geistig zu füllen. Ein tiefgründiges, visuelles Statement, das die zeitlose Ästhetik des Konstruktivismus perfekt in die Gegenwart transportiert.
diffuses Licht am Atlantique
Öl auf Leinwand
30 x 40 cm
Das kleinformatige Ölgemälde diffuses Licht am Atlantique von Raymond Schorradt ist ein bemerkenswertes Beispiel für die formale Konzentration auf das Wesentliche. Die Bildstruktur ist durch eine strikte, horizontale Schichtung geprägt, die eine fast meditative Ruhe ausstrahlt.
Der Aufbau gliedert sich in drei klare tektonische Zonen:
Der Vordergrund: Bestimmt von einer sandfarbenen, ockerfarbenen Fläche, die den Strandabschnitt markiert.
Die Bildebene des Wassers: Eine breite, tiefe Meeresfläche, die sich in zwei Hauptfarbblöcke unterteilt – ein dunkleres, sattes Blaugrün und ein helleres, kühleres Blau.
Der Hintergrund: Den oberen Abschluss bildet ein sehr heller, diffuser Himmel, der in seiner Lichtintensität fast ins Reine Weiß übergeht.
Die Dialektik des Lichts
Das titelgebende Phänomen des „diffusen Lichts“ wird von Schorradt überraschenderweise nicht durch fließende Übergänge oder impressionistisches Sfumato visualisiert, sondern durch harte, geometrische Kontraste. Das dominierende Element der Komposition ist ein zentrales, leuchtend weißes Lichtband, das sich vertikal vom oberen Horizont bis zum Strand hinunterzieht.
Dieses Licht bricht die horizontalen Linien des Meeres auf und steht in direktem, scharfem Kontrast zu den dunkleren Wasserflächen. Es handelt sich hierbei nicht um eine bloße mimetische Spiegelung, sondern um ein konzeptionelles Statement: Das Licht wird nicht rein darstellerisch abgebildet, sondern als ein architektonisches, formgebendes Element des Bildraums konstruiert.
Synthese von Abstraktion und Repräsentation
Schorradt gelingt es, eine topografisch erkennbare Landschaftsszenerie – die Atlantikküste – in eine radikal vereinfachte, fast konstruktivistische Formensprache zu übersetzen. Die Wellenbewegung wird durch präzise, jedoch rau aufgetragene, horizontale weiße Linien und Schaumkronen angedeutet, die sich rhythmisch über die blauen Flächen ziehen.
Diese Reduktion erinnert an die Strömungen der Konkreten Kunst, die das Bildfeld primär als eine autonome Ordnung von Farben und Formen begreifen. Dennoch bleibt die inhärente Assoziation von Sand, Wasser und Himmel stabil und erzeugt eine intensive atmosphärische Resonanz beim Betrachter.
Fazit
Innerhalb des Gesamtwerks ist diese Arbeitsweise paradigmatisch für Schorradts Ansatz, das Chaos der Natur in eine kognitive und visuelle Ordnung zu überführen. diffuses Licht am Atlantique ist ein meisterhaftes Statement der Reduktion. Es zeigt nicht dokumentarisch, *wie* der Atlantik aussieht, sondern analysiert, *was* seine geometrische und lichtästhetische Essenz ist.
Wellen
Öl auf Leinwand
50 x 40 cm
Das Gemälde Wellen stellt eine faszinierende Brücke zur reinen, piktogrammartigen Abstraktion des maritimen Ur-Rhythmus dar. Ein sattes, homogenes Mittelblau bedeckt als dominierender Bildraum die Leinwand, auf dem im unteren Drittel ein zweizeiliges, weiß-blaues Wellenband wie eine visuelle Notation eingefügt ist.
Die Geometrisierung der Naturform
In der visuellen Analyse wird deutlich, wie Schorradt die organische Dynamik des Meeres in ein rhythmisches Zeichensystem übersetzt:
Die Struktur: Die Wellen sind als sich wiederholende, geschwungene Zackenformen aus einem weißen Farbblock ausgeschnitten.
Die Rhythmik: Die obere Reihe zeigt größere, nach rechts drängende Wellenkämme, während die untere Reihe kleinere Wellenformen aufweist.
Die Tiefe: Durch feine Schattenlinien in Dunkelblau an den Unterseiten der Kämme gewinnt das scheinbar flächige Ornament eine plastische, reliefartige Tiefe.
Materialität und Duktus im Detail
Der blaue Hintergrund ist mit sichtbarem, vertikalem Pinselduktus aufgetragen, was der Monochromie eine lebendige Vibration verleiht. Der weiße Wellenblock hingegen besitzt einen dicken, pastosen Auftrag. Diese physische Präsenz der Farbe fängt das reale Umgebungslicht ein und erzeugt echte Schattenkanten, die das Spiel des Meeres taktil erfahrbar machen.
Fazit
Mit Wellen gelingt Raymond Schorradt ein prägnantes, grafisch anmutendes Meisterwerk der konstruktiven Kunst. Das Bild erhebt die Bewegung des Wassers zu einem universellen Symbol von Rhythmus, Wiederholung und unendlicher Ruhe.
Gebrochene Welle
Öl auf Leinwand
50 x 40 cm
Das Ölgemälde gebrochene Welle markiert eine faszinierende stilistische Weiterentwicklung innerhalb der maritimen und geometrischen Erkundungen von Raymond Schorradt. Stellte das Werk Wellen noch eine streng piktogrammartige, grafisch isolierte Form auf monochromem Grund dar und fing diffuses Licht am Atlantique die unendliche Weite des Horizonts ein, so taucht Schorradt in Gebrochene Welle direkt in das kinetische Geschehen des Wassers ein. Das gesamte Bildfeld wird von fließenden, geschichteten Farbbändern eingenommen – die Abstraktion löst sich von der grafischen Schablone und wird organisch-dynamisch.
Formale Analyse und die visuelle Zäsur
In der formalen Analyse von Gebrochene Welle fällt sofort die namensgebende Zäsur auf. Das Bild ist im Grunde in zwei vertikale Segmente unterteilt, welche sich leicht gegeneinander verschieben.
Auf der linken Seite dominieren sanft geschwungene, horizontale Farbbänder, die sich rhythmisch nach oben staffeln.
Auf der rechten Seite bricht eine vertikalere, steilere Wellenstruktur in diese Schichtung ein.
Es entsteht das visuelle Äquivalent einer Brandungszone: Das Aufeinanderprallen zweier kinetischer Energien, perfekt eingefangen im Moment der Interferenz. Schorradt bricht hier die eigene konstruktive Strenge auf; das mathematische Ornament weicht einer fließenden, fast musikalischen Schichtung von Farbtönen.
Farbwerte, Modulation und Textur
Besonders meisterhaft zeigt sich Schorradt in der Modulation der Farbwerte. Statt der harten Primärkontraste aus Werken wie point yellow erleben wir hier eine monochrome Symphonie in Blau, Grau und Meeresgrün. Die Palette reicht von tiefem Nachtblau am oberen Rand über kühles Schiefergrau und sanftes Türkis bis hin zu fast weißen, lichtdurchfluteten Nuancen in der Bildmitte.
Der Farbauftrag ist dünner und transparenter als bei den plastisch-pastosen Wellen, wodurch das Gewebe der Leinwand subtil durchscheint. Dies verleiht dem Licht eine Transluzenz, die an die Tiefenwirkung von echtem Meerwasser erinnert.
Fazit und Würdigung
Gebrochene Welle verdeutlicht die reife Synthese von Naturbeobachtung und formaler Abstraktion, wie sie im Gesamtschaffen des Künstlers als roter Faden spürbar ist. Raymond Schorradt gelingt das Kunststück, die Welle nicht als starres Zeichen, sondern als fließenden Prozess darzustellen. Das Bild strahlt trotz der inneren Dynamik des Bruchs eine tiefe, kontemplative Ruhe aus. Es zeigt einen Künstler auf der Höhe seines Schaffens, der die Grenzen der konstruktiven Ordnung sanft dehnt, um die Lebendigkeit und Veränderlichkeit der Natur einzufangen.
Die Badenden
Öl auf Leinwand
40 x 50 cm
Das klassische kunsthistorische Motiv der *Badenden* – traditionell besetzt von wegweisenden Meistern der Moderne wie Paul Cézanne, Henri Matisse oder Pablo Picasso – erfährt im Œuvre von Raymond Schorradt eine faszinierende post-kubistische und konstruktivistische Neuinterpretation. Auf einem kompakten Format von 40 x 50 cm verzichtet der Künstler auf eine rein figurative Abbildung. Stattdessen löst er die menschliche Gestalt und deren Einbettung in die Natur in ein hochkomplexes, rhythmisches Zusammenspiel aus organisch-geometrischen Flächen und scharfen Achsen auf.
Komposition und das Spiel der Achsen
Die Bildfläche von Die Badenden wird von zwei markanten, linear geführten Diagonalen durchkreuzt, die wie präzise Schnitte oder orthogonale Lichtstrahlen wirken. Diese Linien brechen die potenzielle Statik der flächigen Formen radikal auf und generieren eine dynamische Tiefenwirkung im zweidimensionalen Raum. Im Zentrum der Komposition etabliert Schorradt eine Gruppe ineinandergreifender, puzzleartiger Formen in den Primär- und Sekundärfarben Gelb, Hellblau, Orange und Dunkelblau. Umrahmt werden diese biomorphen „Körper“ von einer markanten, weißen Konturlinie, die das figurative Geschehen präzise vom tiefgrünen, pointilliert und subtil texturierten Hintergrund abgrenzt. Die menschliche Silhouette verschmilzt hierbei untrennbar mit der Geometrie der umgebenden Landschaft, bis beide Entitäten im reinen Farbklang aufgehen.
Farbdynamik und Abstraktionsgrad
Schorradt nutzt eine reiche, kontrastierende Farbpalette, um emotionale und sensorische Assoziationen zu wecken. Das komplementäre Zusammenspiel des warmen Gelbs und Oranges mit dem kühlen Hellblau evoziert die Synästhesie von Sonne, Haut und erfrischendem Wasser. Im rechten unteren Bildquadranten stabilisiert ein erdiger Braunton die Komposition, auf dem auch die prägnante Signatur des Künstlers ruht.
Die Abstraktion ist so weit fortgeschritten, dass die einzelnen Körper nicht mehr als anatomische Individuen, sondern als reine Bewegungseinheiten wahrgenommen werden. Es ist das phänomenologische *Gefühl* und die *Struktur* des Badens – das physische Eintauchen in ein anderes Element –, das hier eine formale Übersetzung findet.
Fazit und Verortung
Die Badenden demonstriert eindrücklich die stilistische Vielseitigkeit Schorradts. Während andere Werke eine radikale, minimalistische Strenge oder landschaftliche Kontemplation (diffuses Licht am Atlantique) offenbaren, zeigt dieses Gemälde eine dynamische, beinahe spielerische Komplexität. Dem Künstler gelingt es, Rhythmus und Balance zwischen dem Organischen und dem Geometrischen perfekt auszutarieren. Ein starkes, farbgewaltiges Werk der modernen Schweizer Gegenwartskunst.
Meeresbewohner
Öl auf Leinwand
50 x 40 cm
In der Betrachtung von Raymond Schorradts maritimen Werkreihen markiert das Ölgemälde Meeresbewohner einen faszinierenden Höhepunkt. Sahen wir in diffuses Licht am Atlantique und Gebrochene Welle noch das Wasser als atmosphärischen oder kinetischen Naturraum, und in Wellen als piktogrammartiges Symbol, so bevölkert Schorradt in diesem Werk das Element. Der Künstler verlässt die reine, ungegenständliche Abstraktion und wendet sich einer biomorphen Formensprache zu, die deutliche Parallelen zu den späten Werken von Joan Miró oder den organischen Figuren Paul Klees aufweist.
Bildaufbau und Komposition
Die Bildfläche von Meeresbewohner wird von einem hellen, sanften Türkisblau dominiert, das den flüssigen Raum definiert. Darauf ordnet Schorradt eine Gruppe zeichenhafter, stark stilisierter Meereswesen an. Im Zentrum schwebt eine große, wal- oder fischähnliche Kreatur, deren Körper aus konturierten, asymmetrischen Farbsegmenten in Blau, Gelb und Grün zusammengesetzt ist. Begleitet wird sie oben rechts von einer strahlenförmigen, seeanemonen- oder quallenartigen Form. Mehrere kleinere Elemente, die an Kieselsteine, Muscheln oder kleine Fische erinnern, bespielen den verbleibenden Raum und erzeugen eine ausgewogene, schwebende Komposition. Die biomorphen Chiffren verbinden die spielerische Leichtigkeit des Lebens mit der ordnenden Hand des Konstruktivismus.
Konturierung und Farbdialog
Ein auffälliges Stilmittel, das dieses Werk eng mit Die Badenden verbindet, ist die Verwendung von dicken, dunklen Konturlinien. Sie isolieren die einzelnen Farbflächen und verleihen den Figuren eine prägnante, fast grafische Präsenz. Die Farbpalette bleibt Schorradts maritimem Code treu: Nuancierte Blautöne bilden die Basis, während gezielte Akzente in hellem Gelb (wie die solare oder lunare Scheibe oben links) das Werk illuminieren.
Fazit und Würdigung
Meeresbewohner ist ein wunderbares Zeugnis für die Vielschichtigkeit des Amriswiler Malers. Schorradt zeigt, dass seine konstruktive Methodik keineswegs starr sein muss. Indem er geometrische Disziplin mit poetisch-biomorphen Formen kreuzt, gelingt ihm eine charmante und tiefgründige Darstellung des Unterwasserlebens. Das Bild strahlt eine heitere, kontemplative Dynamik aus und bereichert sein maritimes Œuvre um eine erzählerische, lebendige Dimension.
La Moustique
Öl auf Leinwand
40 x 50 cm
Das Werk La Moustique (Die Mücke) von Raymond Schorradt ist ein faszinierendes Beispiel für die Verbindung von biomorphen Abstraktionen und surrealen Elementen. Schorradt, dessen Schaffen oft durch eine spielerische, fast grafische Leichtigkeit besticht, nutzt hier wieder eine reduzierte Formensprache, um die Essenz eines Insekts – oder vielmehr die *Idee* einer Mücke – darzustellen.
Komposition und Formensprache
Das Bild wird von einem zentralen, fast kreisförmigen Körper dominiert, der in einem sanften Hellblau gehalten ist. Die Konturen sind mit einer feinen, dunklen Linie nachgezogen, was dem Werk einen illustrativen Charakter verleiht.
Der Körper: Die zentrale Masse wirkt organisch, fast zellartig. Diese Form erinnert an die Arbeiten von Joan Miró, bei denen biomorphe Formen oft im luftleeren Raum zu schweben scheinen.
Die Gliedmaßen: Am unteren Rand des Körpers finden sich sechs feine, hakenartige Beine. Ihre asymmetrische Anordnung verleiht dem Wesen eine instabile, fast tänzerische Dynamik.
Die Flügel: Besonders auffällig sind die gitterartigen Strukturen an den Seiten. Der rechte „Flügel“ zeigt ein warmes Farbspiel aus Orange- und Brauntönen in einem Karomuster, das an die Facettenaugen eines Insekts oder die Struktur eines Netzes erinnert.
Die surreale Komponente
Das „Gesicht“: Das markanteste und zugleich irritierendste Element ist der leuchtend rote Mund in der unteren Hälfte des blauen Körpers. Durch das Hinzufügen menschlicher Lippen transformiert Schorradt die Mücke von einer rein biologischen Darstellung in ein surreales Wesen. Der Mund wirkt fast wie ein Fremdkörper – er ist präzise geformt und steht im Kontrast zu der eher skizzenhaften Ausführung der Beine. Dies verleiht der Moustique eine anthropomorphe (menschenähnliche) Qualität und eine subtile Erotik oder auch eine gefährliche Note (das „Saugen“ der Mücke).
Farbe und Licht
Die Farbpalette ist wohlüberlegt. Der Hintergrund wechselt von einem kühlen Weiß-Blau auf der linken Seite zu einem warmen, sonnigen Gelb auf der rechten Seite. Dies erzeugt eine räumliche Tiefe, ohne dass eine klassische Perspektive verwendet wird. Das vertikale, dunkelgrüne Band auf der linken Seite fungiert als „Anker“. Es durchbricht die Horizontalität des Körpers und verleiht der Komposition Stabilität.
Stilistische Einordnung
Raymond Schorradts Stil in diesem Werk lässt sich als lyrische Abstraktion mit starken Einflüssen des Surrealismus beschreiben. Er verzichtet auf Details wie Augen oder Fühler und konzentriert sich stattdessen auf Symbole:
- Gitter/Netz = Flügel/Struktur
- Blaue Ellipse = Körper/Leichtigkeit
- Rote Lippen = Identität/Funktion
Fazit
La Moustique ist ein Werk, das durch seinen Minimalismus besticht. Schorradt gelingt es, ein potenziell lästiges Insekt in eine ästhetische, fast poetische Form zu übersetzen. Die Spannung zwischen der kühlen Geometrie (die Gitterstrukturen) und der organischen Weichheit (der Mund und der Körper) macht das Bild zu einem spannungsvollen Seherlebnis. Es ist ein humorvolles, aber handwerklich präzises Statement über die Wahrnehmung von Natur und deren künstlerische Überhöhung.
Spezifische Detailanalyse: Der rote Mund
In der Rezension wurde der Mund bereits als das „surreale Zentrum“ des Bildes identifiziert. Eine tiefere Betrachtung offenbart seine entscheidende Rolle für die Bildwirkung.
Ikonographie des Mundes: Der Mund ist das einzige Element, das nicht abstrahiert oder rein geometrisch ist. Er ist naturalistisch und präzise geformt. In der Ikonographie der Moderne (und besonders des Surrealismus, man denke an Dalís „Lippensofa“) steht der Mund für Kommunikation, Nahrung und oft auch Sexualität.
Der Kontrast zur „Mücke“: Der Mund verwandelt die biologische Mücke in ein Wesen mit Intention. Eine Mücke sticht reflexartig; dieser Mund saugt oder spricht. Er ist ein Werkzeug der Interaktion. Die Platzierung unterhalb der Körpermitte verleiht der Mücke eine Stimme oder einen Saugrüssel in Form von Lippen. Dies ist ein humorvoller, aber auch beunruhigender Bruch mit der Realität.
Die Rolle der Farbe (Lippenstift-Effekt): Das leuchtende Rot ist der stärkste Kontrast im gesamten Bild. Es ist kein organisches Blut-Rot, sondern ein klares, ästhetisiertes Rot, fast wie Lippenstift. Dies verstärkt den Eindruck der Kulturalisierung eines Naturphänomens. Die Mücke wird hier „gemacht“, sie ist ein Artefakt.
Der Mund als Blickfang (Focus Point): Aufgrund seiner Farbigkeit und seiner präzisen Form ist der Mund das erste, was der Betrachter wahrnimmt. Er zieht den Blick unweigerlich an und zwingt uns, das Bild nicht nur als Ansammlung von Formen zu lesen, sondern als ein Wesen.
Zum künstlerischen Ansatz des Malers Raymond Schorradt
Um Raymond Schorradts Werk La Moustique besser zu verstehen, ist es hilfreich, seinen breiteren künstlerischen Ansatz und seine Stellung innerhalb der Kunstgeschichte zu betrachten. Schorradt ist ein Maler, der zwar international bekannt ist, dessen Werk aber oft an der Schnittstelle verschiedener Strömungen angesiedelt ist und eine genaue Einordnung erfordert.
Der biomorphe Surrealismus
Schorradts Werk ist stark im biomorphen Surrealismus verwurzelt. Diese Strömung (vertreten durch Künstler wie Joan Miró, Jean Arp und Roberto Matta) löst sich von der Darstellung konkreter Traumsequenzen (wie bei Dalí) und fokussiert sich auf organische, amorphe Formen, die an Zellen, Insekten, Planeten oder Urwesen erinnern. Schorradts La Moustique ist ein klassisches Beispiel hierfür: Die Formen sind erkennbar wie ein Tier, aber nicht das Tier.
Die Verbindung zur Lyrischen Abstraktion
In der Nachkriegszeit entwickelte sich aus dem Surrealismus die Lyrische Abstraktion (und später die Art Informel). Diese legte Wert auf spontane Gesten, die poetische Wirkung von Farbe und Form und die Ablehnung strenger geometrischer Regeln. Schorradt integriert diese Elemente: Die Beine sind gestisch und frei gezeichnet, der Hintergrund ist ein poetischer Farbverlauf. La Moustique ist kein konstruiertes Bild, sondern ein gespieltes oder tänzerisches Bild.
Kritiker haben Schorradts Werk schon als spielerisch bezeichnet, was jedoch nicht oberflächlich bedeutet. Es ist oft eine spielerische Herangehensweise an existenzielle Themen (Natur, Körper, Kommunikation). In La Moustique wird aus dem Schmerz eines Mückenstichs eine ästhetische Metapher für Verbindung und Verletzlichkeit. Seine Kunst ist intim, leise und oft von einer leichten Melancholie durchzogen, die durch die Leichtigkeit der Formen gemildert wird. Schorradt gehört zu jener Generation von Künstlern, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Sprache der Abstraktion nutzten, um eine neue, weniger dogmatische Form der menschlichen Erfahrung auszudrücken. Er ist kein lauter Provokateur, sondern ein subtiler Beobachter.
Punkt und Linien zur Fläche
Öl auf Leinwand
30 x 24 cm
Mit dem kleinformatigen Ölgemälde Punkte und Linien zur Fläche liefert Raymond Schorradt einen intellektuell tiefgründigen Beitrag zur geometrischen Abstraktion. Der Titel verweist explizit auf Wassily Kandinskys berühmte Bauhaus-Schrift von1926. Wo Schorradt in anderen Werken geometrische Elemente nutzte, um Landschaften oder marine Dynamiken zu stilisieren, löst er sich hier vollständig vom Gegenstand. Das Bild wird zu einer reinen visuellen Partitur, welche die fundamentalen Bausteine der Malerei auf ihre rhythmischen und musikalischen Qualitäten hin untersucht.
Komposition und formale Zeichensprache
Beim Betrachten des Bildes fällt sofort das feine Spiel der grafischen Chiffren auf einem reliefartigen, altrosa bis magentafarbenen Hintergrund auf. Schorradt breitet ein ganzes Vokabular abstrakter Formen aus:
Die Punkte: Eine streng horizontale, schwarze Punktreihe am oberen Rand kontrastiert wirkungsvoll mit einer vertikalen Reihe grüner Punkte auf der rechten Bildseite.
Die Linien: Dazwischen agieren wellenförmige rote Linien, eine markante weiße Hakenschlinge sowie eine sternförmige, explodierende Linienkreuzung unten rechts.
Die Flächen: Geometrische Quadrate in Hellblau und Rot sowie eingestreute gelbe Kreise vervollständigen das Ensemble.
Diese scheinbar schwebenden Elemente sind meisterhaft ausbalanciert und erzeugen das Bild eines mikrokosmischen oder astronomischen Zeichensystems. Schorradt übersetzt die oft strenge Geometrie des Bauhauses in eine lyrische und spielerische Leichtigkeit. Die Formen wirken nicht mathematisch berechnet, sondern wie Noten auf einem vibrierenden Farbklangfeld.
Textur und Farbdialog
Ein wesentliches Merkmal ist die feine Textur des Hintergrunds. Der rosafarbene Fond ist nicht monoton glatt, sondern zeigt im Streiflicht dezente, pastose Pinselstrukturen, die der Fläche eine haptische Tiefe verleihen. Auf diesem warmen Resonanzboden lässt der Künstler kontrastierende Primär- und Sekundärfarben – Gelb, Grün, Weiß, Rot und Cyanblau – miteinander in den Dialog treten. Die für Schorradt sonst so typischen, trennenden schwarzen Konturen fehlen hier fast vollständig, wodurch die Formen direkt und ungerahmt mit der Fläche interagieren.
Fazit
Punkte und Linien zur Fläche zeigt den Maler als reflektierten Analytiker der Form, dem es gelingt, theoretische Strenge mit poetischer Leichtigkeit zu füllen. Schorradt manifestiert in diesem Werk die Essenz seines Schaffens: die Reduktion auf das Wesentliche, ohne dabei die emotionale Schwingung der Farbe zu verlieren. Ein anspruchsvolles, zeitloses Meisterwerk der konstruktiven Kunst.
Punkt und Linie und Winkel
Öl auf Leinwand
30 x 40 cm
In direkter Fortführung seiner analytischen Auseinandersetzung mit den Grundelementen der Malerei legt Raymond Schorradt mit Punkt und Linie und Winkel ein hochkonzentriertes und gleichermaßen poetisches Werk vor. Schließt der Werktitel unmittelbar an das zuvor entstandene Schwesterbild Punkte und Linien zur Fläche an, so wählt Schorradt hier eine radikal minimalistischere Anordnung. Er beweist erneut, wie tief seine konzeptionellen Wurzeln in der klassischen Moderne verankert sind, bricht die kühle Geometrie der Bauhaus-Theorien jedoch durch eine zutiefst organische, beinahe meditative Farbstimmung auf.
Formale Analyse und figurative Ambiguität
Beim Betrachten des Bildes offenbart sich dem Betrachter ein fein austariertes, dreiteiliges Formenspiel:
Der Kern: Im Zentrum des hochformatig angelegten Bildraums ruht ein leuchtend roter Punkt (Kreis), welcher von einer diffusen, gezackten tiefblauen Aureole umgeben ist.
Die Kurve: Darüber krümmt sich von der rechten Seite kommend eine dunkle, fast kalligrafische Linie, die von feinen Verschlingungen umspielt wird und wie eine schwebende Rute oder ein Tentakel über dem blauen Energiekern verharrt.
Die Basis: Die Basis der Komposition bildet ein schmaler, liegender gelber Keil – der titelgebende spitze Winkel –, der dem mathematischen Ideal folgend präzise mit einer feinen schwarzen Kontur umrandet ist.
Der spitze Winkel am Boden wirkt wie ein seismografischer Zeiger, der die schwebende, geladene Konstellation aus kosmischem Punkt und vegetativer Linie perfekt balanciert. Das Bild erinnert in seiner assoziativen Offenheit an eine stilisierte Blume, ein Himmelsphänomen oder ein mikroskopisches Lebewesen, ähnlich den Chiffren aus Meeresbewohner.
Farbe und Textur
Schorradt inszeniert hier ein faszinierendes Spiel mit Texturen und Rändern. Der Hintergrund ist in fein nuancierten, horizontal geschichteten Nuancen von Maigrün, Lindgrün und hellem Gelb gehalten. Die Pinselstriche sind deutlich sichtbar und verleihen der Fläche eine lebendige, atmosphärische Schwingung. Der scharfe, exakte Konturschnitt des gelben Winkels am unteren Bildrand bildet ein wirkungsvolles Gegengewicht zu den vibrierenden, fast faserig auslaufenden Pinselfransen der blauen Kreisfläche. Dieses Wechselspiel aus kalkulierter Präzision und freiem, emotionalem Farbauftrag zieht sich wie ein roter Faden durch Schorradts bestes Schaffen.
Fazit
Punkt und Linie und Winkel repräsentiert die reife Synthese von Raymond Schorradts Schaffen. Dem Maler gelingt hier das seltene Kunststück, analytische Zeichensprache mit kosmischer Romantik zu verbinden. Ein stilles, kraftvolles und überaus harmonisches Meisterwerk, das die zeitlose Eleganz geometrischer Reduktion feiert.
14 juillet
Öl auf Leinwand auf Karton
50 x 60 cm
In dem 1988 entstandenen Ölgemälde 14 juillet demonstriert Raymond Schorradt die für sein Œuvre charakteristische Transformation historisch-politischer Sujets in eine lyrisch-reduzierte Abstraktion. Während das Datum des französischen Nationalfeiertags kunsthistorisch traditionell mit monumentaler Historienmalerei oder figurativer Dynamik assoziiert ist, wählt Schorradt den Weg einer radikalen visuellen Dekonstruktion. Das Werk verzichtet bewusst auf narrative Schilderungen und übersetzt den Geist des Ereignisses in ein Zeichensystem, das durch Leichtigkeit und formale Balance besticht.
Formale und kompositionelle Analyse
Das Zentrum der Komposition wird von einer vertikal orientierten, kalligraphisch anmutenden Bandstruktur dominiert. Die farbliche Codierung in Blau, Weiß und Rot rekurriert unmissverständlich auf die französische Trikolore, löst deren rigide geometrische Ordnung jedoch in eine freie, geschwungene Bewegung auf. Diese fragile Linienführung bricht mit der Statik nationaler Symbolik; sie oszilliert zwischen ornamentaler Eleganz und einer dynamischen Raumschnitt-Geste.
Der Bildraum selbst ist als atmosphärisch modulierter Farbraum angelegt. Schorradt nutzt die Qualitäten der Ölmalerei, um durch fein nuancierte Creme- und opake Blautöne eine Tiefenwirkung zu erzielen, die das Vakuum traditioneller Abstraktion meidet. Eine diffuse, radial strahlende Lichtstruktur im oberen rechten Quadranten fungiert als kompositorisches Gegengewicht zur zentralen Trikolore-Chiffre. Die linksseitig gesetzten, biomorphen Grünelemente sowie die pointillistisch anmutenden, gelben Farbstrebungen evozieren Assoziationen von pyrotechnischen Lichtphänomenen, ohne das Bild in der reinen Gegenständlichkeit zu verankern.
Stilistische Verortung und Querverweise
Stilistisch offenbart 14 juillet eine Affinität zur spielerischen Abstraktion von Joan Miró, bleibt jedoch durch eine inhärente, strukturelle Ernsthaftigkeit typisch für Schorradts kritischen Formalismus. Im Kontext seines Gesamtwerks markiert dieses Bild einen Übergang hin zur Befreiung der Linie. Während spätere Arbeiten des Künstlers – allen voran das international beachtete, minimalistische Meisterwerk ALMOST NOTHING (vertreten beim Art Talent Fair) – die absolute Reduktion und das spirituelle Schwinden von Materie verhandeln, feiert 14 juillet noch die vitale Präsenz der Form im Raum. Es ist die Antithese zur Leere, ohne dabei den minimalistischen Kern aus den Augen zu verlieren.
Fazit
14 juillet ist ein exemplarisches Zeugnis für Schorradts Fähigkeit, komplexe gesellschaftliche Diskurse frei von narrativem Pathos zu visualisieren. Das Werk besticht durch seine ökonomische Formensprache und seine malerische Reife.
ALMOST NOTHING
Öl auf Leinwand
50 x 40 cm
Raymond Schorradt: "Schon seit längerem beschäftigte ich mich mit einem ganz speziellen Problem der abstrakten Malerei – dem Minimalismus.
Das ist hochintellektuell und äusserst anspruchvoll.
Man kann nicht einfach so einen Strich ziehen (das wäre banal), die Leinwand einfach leer lassen (lächerlich) oder die Leinwand monochrom einfärben (einen ähnlichen Ansatz gab es bereits mit dem schwarzen Quadrat von Kasimir Malewitsch).
Ich zielte auf einen wirklich minimalistischen Ansatz dafür aber mit wuchtigen Aussage.
Dann kam die Inspiration zu meinem Werk ALMOST NOTHING
Anfang 2017 lag ich mit einer Tumorerkrankung (Niere) im Krankenhaus.
Da dieser Tumor weder auf Chemotherapie noch auf Bestrahlung reagiert gab/gibt es nur die chirugische Alternative.
Ich wurde also operiert.
So ein todkranker und hilfloser Mensch hängt an verschiedenen Maschinen, soll heissen Überwachungsmonitore überwachen und zeigen die Körperfunktionen.
Die Genesung klappt nicht bei allen und der Mensch verstirbt.
Ein Alarm geht los und dann gibt es eine Menge Hektik auf der Station. Ein Arzt kommt und stellt den Exitus fest. Ein zweiter Arzt kommt und bestätigt den Tod. Erst dann werden die Maschinen abgestellt. Die Linie auf dem Monitor ist flach geworden.
Der Verstorbene wird von der Technik abgehängt und ganz zum Schluss werden auch die Monitore abgeschaltet. Die Linie fällt zu einem Punkt zusammen und dann erlischt auch dieser."
Das Werk ALMOST NOTHING nimmt eine singuläre Stellung im Schaffen von Raymond Schorradt ein und wird im kunsthistorischen Diskurs als sein persönliches Meisterwerk betrachtet. Das Gemälde bewegt sich im Spannungsfeld des radikalen Minimalismus und formuliert eine fundamentale Untersuchung der Grenze zwischen ontologischer Präsenz und dem Verschwinden der Materie.
Der konzeptionelle Impuls des Werkes wurzelt in einer existenziellen Grenzerfahrung des Künstlers während eines klinischen Aufenthalts Anfang 2017. Die medizinische Überwachungstechnologie, die Reduktion menschlichen Lebens auf die Linearität eines Biosensors (Flachlinie) und das finale Erlöschen des Signals bilden das semiotische Fundament dieser Komposition. Schorradt überführt diese klinische Nüchternheit in ein universelles metaphysisches Statement.
Formale, technische und kompositionelle Analyse
Die visuelle Struktur von ALMOST NOTHING präsentiert sich als eine radikale Übung in malerischer Zurückhaltung. Auf einer horizontalen Achse verläuft eine feine, präzise geführte weiße Linie, die im Zentrum des Bildraums eine seismographische oder organische Verdichtung erfährt, bevor sie sich wieder in der Horizontalen verliert. Im Gegensatz zu den historischen Vorläufern der monochromen Malerei – wie Kasimir Malewitschs Schwarzem Quadrat – verweigert Schorradt hier die totale Fläche und die Banalität des bloßen Strichs.
Die technische Brillanz des Werkes zeigt sich in der Behandlung des Hintergrunds durch die klassische Ölmalerei. Die scheinbar monochrome Fläche erweist sich bei intensiver Rezeption als subtil modulierter Farbraum, der durch differenzierten Farbauftrag und die Erzeugung von minimalen Licht-Schatten-Nuancen eine unerwartete plastische Tiefe generiert. Das Motiv des „fast Nichts“ fordert eine Entschleunigung des Blickes ein; die Formen schälen sich erst durch die visuelle Anpassung des Betrachters aus dem Untergrund. Das Paradoxon, ein so flüchtiges, immaterielles Thema in der schweren und dauerhaften Technik der Ölmalerei zu fixieren, verleiht dem Werk eine immanente konzeptionelle Spannung.
Stilistische Verortung und internationale Resonanz
Innerhalb des Œuvres markiert ALMOST NOTHING den Kulminationspunkt von Schorradts Interesse an visuellen Barrieren und der Ästhetik der Aussparung. Während landschaftlich inspirierte Arbeiten wie Brettach komplexe Topografien in Rhythmus und Farbe übersetzen, fungiert hier die Reduktion selbst als das entscheidende Medium.
Dieses radikal philosophische Konzept sicherte dem Werk eine signifikante internationale Resonanz. ALMOST NOTHING wurde unter anderem im Rahmen renommierter zeitgenössischer Kunstwettbewerbe präsentiert – wie dem internationalen Art Talent Fair –, wo es als herausragendes Beispiel für zeitgenössischen Essentialismus und intellektuellen Minimalismus gewürdigt wurde.
Fazit
ALMOST NOTHING ist kein rein formales Experiment, sondern eine malerische Reflexion über die conditio humana. Es zwingt zur Perzeptionskritik und formuliert eine Ästhetik der Demut gegenüber dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren.
Brettach
Öl auf Leinwand
80 x 100 cm
Mit dem großformatigen Ölgemälde Brettach erweitert Raymond Schorradt sein Œuvre um ein bedeutendes Werk, das die Schnittstelle zwischen abstrakter Zeichensprache und emotionaler Geografie untersucht. Im Kontrast zu rein theoretisch-konstruktiven Kompositionen des Künstlers, die sich primär mit geometrischen und kosmischen Grundelementen (Punkt, Linie, Winkel) befassen, dient hier eine reale Topografie als visueller und konzeptioneller Anker. Schorradt abstrahiert den realen Dorfplan des unterhalb von Maienfels gelegenen Ortes Brettach und transformiert ihn in ein rhythmisches Geflecht formaler Chiffren.
Formale Bildanalyse und Ikonographie
Die Komposition bricht radikal mit der traditionellen, perspektivischen Landschaftsansicht und adoptiert stattdessen die orthogonale Aufsicht eines symbolischen Plans. Die dörfliche Infrastruktur wird dekonstruiert und in ein komplexes System aus Flächen und manderierenden Farbbändern übersetzt. Schorradt gelingt es hierbei, spezifische architektonische und funktionale Fixpunkte des dörflichen Raums ikonographisch zu codieren:
Das Brotbackhaus: Eine halbrunde, bogenförmige Struktur im rechten unteren Quadranten verweist durch warme Glut- und Backsteintöne auf dieses Zentrum traditioneller Gemeinschaft.
Die Buswendeplatte: Ein kreisförmiges, durch mehrfarbige Dreiecke segmentiertes Element fungiert als visuelle Metapher für den modernen Bewegungsknotenpunkt des Ortes.
Siedlungsstruktur: Geometrische Rechteckfelder und eine Reihung stilisierter, dreieckiger Dachformen an den Peripherien des Bildrandes fassen die dörfliche Architektur formal zusammen. Ein leuchtend gelbes, sternförmiges Zeichen im oberen linken Quadranten dient als kompositorischer Orientierungspunkt.
Kolorit und Materialität
Das Werk zeichnet sich durch ein hochenergetisches, warmes Kolorit aus. Die Dominanz von erdigen Ocker-, Orange- und tiefen Rottönen verortet die Komposition im Bereich des Organischen und Naturverbundenen. Dieser warme Grundton wird durch präzise gesetzte Kontraste in Grün, Blau und Gelb aufgebrochen. Schorradt meidet auch bei dieser komplexen Struktur akademische Kühle; der Pinselstrich behält auf der großformatigen Leinwand eine spürbare, haptische Präsenz, die den eigentlich statischen Dorfplan in die Dynamik eines lebenden Organismus überführt.
Stilistische Einordnung
Brettach repräsentiert die Phase der strukturellen und topografischen Verdichtung innerhalb des Gesamtwerks. Während Schorradts persönliches Meisterwerk ALMOST NOTHING die radikale visuelle Aussparung und das existenzielle Minimum thematisiert, demonstriert Brettach das komplementäre Vermögen des Künstlers: die gehaltvolle Aufladung und Rhythmisierung des realen Raums. Das Lokale wird hier durch formale Meisterschaft in die Universalsprache der klassischen Moderne überführt.
Fazit
Brettach ist eine meisterhafte mentale Landkarte. Das Werk balanciert Struktur, Rhythmus und emotionale Farbkraft perfekt aus und dokumentiert Schorradts singuläre Position in der zeitgenössischen Landschaftsabstraktion.
Harlekin
Öl auf Leinwand
50 x 60 cm
Mit dem Ölgemälde Harlekin greift Raymond Schorradt ein klassisches Motiv der europäischen Kunstgeschichte auf, das bereits von Meistern wie Picasso, Cézanne und Gris tiefgehend beleuchtet wurde. Im Kontext von Schorradts Gesamtwerk nimmt dieses Bild eine faszinierende Brückenfunktion ein. Während seine theoretisch-konstruktiven Arbeiten wie Punkt und Linien zur Fläche völlig auf gegenständliche Bezüge verzichten und Werke wie Brettach topografische Pläne stilisieren, wählt Schorradt hier die menschliche (oder theatralische) Silhouette. Er zerlegt die Figur des klassischen Gauklers in geometrische Kraftfelder und bewahrt dabei eine bemerkenswerte emotionale Nahbarkeit.
Formale Bildanalyse und symbolische Reduktion
Beim Betrachten des Bildes Harlekin fällt sofort die kubistisch inspirierte, flächige Segmentierung auf. Die Gestalt ist im Profil bzw. Halbprofil dargestellt und auf prägnante geometrische Grundformen reduziert. Die charakteristische, spitze Narrenkappe leuchtet in kräftigem Blau und wird von einem weißen Bommel gekrönt. Das Gesicht zeigt markante Linien, bei denen das Auge als grünes, von einer feinen Fadenkreuz-Linie durchzogenes Zentrum gearbeitet ist – ein typisches Schorradt-Element, das an die solitären Zentren seiner geometrischen Kompositionen erinnert. Ein großer weißer Kragen betitelt die klassische Tracht, während der Torso in intensivem Gelb, Orange und kühlen Blautönen aufgeteilt ist. Die Haltung wirkt in sich gekehrt, fast sitzend oder kniend, was der Figur eine nachdenkliche, melancholische Aura verleiht. Der Harlekin ist bei Schorradt kein lauter Spaßmacher, sondern ein stiller Beobachter. Seine Farben leuchten, doch seine Geometrie bewahrt ein tiefes, introspektives Geheimnis.
Farbdynamik und Texturbeschaffenheit
Der Hintergrund bricht radikal mit der kühlen Introspektion der Figur. Ein leuchtendes, flammendes Orangerot bis Magenta umgibt die Gestalt wie ein energetisches Feld oder ein bühnenartiges Rampenlicht. Typisch für Schorradts meisterhaften Umgang mit Öl auf Leinwand ist die sichtbare und spürbare Oberflächenbeschaffenheit. Die Farbe ist nicht flach aufgetragen, sondern besitzt eine feinkörnige, vibrierende Textur, die das Licht bricht und dem Raum Tiefe verleiht. Die Abwesenheit der schweren schwarzen Konturen, die man aus anderen figurativen Phasen kennt, sorgt dafür, dass die warmen Gelb- und Orangetöne des Gewandes fließend in die feurige Umgebung übergehen.
Fazit und kunsthistorische Würdigung
Harlekin ist ein glänzendes Beispiel für Raymond Schorradts Fähigkeit, traditionelle Bildthemen mit den Errungenschaften der geometrischen Moderne zu verschmelzen. Es veranschaulicht perfekt die Synthese aus poetischer Leichtigkeit und konstruktivem Kalkül, die sein gesamtes Œuvre auszeichnet. Das Werk beweist, dass Abstraktion bei Schorradt nie Distanz bedeutet, sondern ein Werkzeug ist, um das Wesen hinter der Maske sichtbar zu machen. Ein farbstarkes, emotional vielschichtiges und zeitloses Meisterwerk.
Vierecke
Öl auf Leinwand
30 x 40 cm
Mit dem Ölgemälde Vierecke vertieft der Amriswiler Künstler Raymond Schorradt seine stringente Auseinandersetzung mit den Grundelementen der geometrischen Abstraktion. Betrachter, die sein Schaffen über die Plattform www.schorradt-paintings.ch verfolgen, erkennen hier eine faszinierende Weiterentwicklung:
Während theoretisch inspirierte Arbeiten wie Punkt und Linien zur Fläche oder Punkt und Linie und Winkel von frei schwebenden Chiffren, Punkten und biomorphen Linien auf monochromen Farbgründen leben, widmet sich Schorradt in Vierecke einer strengeren architektonischen Tektonik. Gleichzeitig distanziert sich das Werk von der gegenständlichen Codierung des dörflichen Raums in Brettach oder der figurativen Isolation des Harlekin. Das Bild konzentriert sich radikal auf das mathematische Ur-Formelement des Rechtecks und dessen räumliche Wechselwirkung.
Formale Analyse und räumliche Schichtung
Beim Betrachten des Werkes Vierecke fällt sofort das raffinierte System aus Transparenz, Überlagerung und Schichtung auf. Schorradt bricht die inhärente Statik des Vierecks auf, indem er die Formen nicht isoliert nebeneinanderstellt, sondern sie tiefenräumlich miteinander verschränkt.
Das rote Primärquadrat: Oben links dominiert ein großes, kraftvoll rot umrahmtes Viereck, dessen Innenfläche in einem zarten, fast transparenten Rosaton schwingt. Es bildet den stabilen, visuellen Ankerpunkt der linken Bildhälfte.
Die grünen Rahmenstrukturen: Ein großes, filigranes grünes Rechteck schiebt sich unter das rote Quadrat und dehnt sich weit in die rechte, von hellen Grüntönen dominierte Bildhälfte aus. Eine vertikale, kräftig grüne Linie durchschneidet den Raum wie eine stabilisierende Achse.
Das blaue Eckquadrat: Unten rechts lagert ein dunkelblau gerahmtes Viereck, das die Komposition erdet und im Inneren ein kleineres, hellblaues Quadrat umschließt.
Das gelbe Fundament: Unten links balanciert ein liegendes, gelbes Rechteck das optische Gewicht des roten Quadrats aus.
Durch diese bewusste Staffelung entsteht eine faszinierende optische Ambiguität: Es bleibt für das Auge elastisch, welche Form im Vordergrund steht und welche in die Tiefe fluchtet.
Textur und atmosphärisches Kolorit
Ein verbindendes Element, das dieses Werk eng mit Schorradts meisterhaften Arbeiten wie Punkt und Linien zur Fläche verknüpft, ist der sensible, lebendige Farbauftrag. Der Hintergrund ist kein totes Weiß oder monotones Grau, sondern ein atmender Resonanzboden aus nuanciertem gebrochenem Weiß, sanftem Gelb und frischem Lindgrün.
Die Pinselstruktur ist auf der gesamten Leinwand haptisch erlebbar. Die Linien der Vierecke sind nicht mit dem Lineal gezogen, sondern besitzen den charakteristischen, leicht vibrierenden, suchenden Duktus des Künstlers. Dadurch verliert die geometrische Anordnung jede mathematische Kälte und gewinnt stattdessen eine warme, poetische und fast meditative Qualität. Die für andere Schaffensphasen typischen, isolierenden schwarzen Konturen fehlen auch hier; die Farbflächen definieren sich rein über ihre chromatischen Grenzen.
Fazit und kunsthistorische Würdigung
Vierecke ist ein herausragendes Beispiel für Raymond Schorradts reife Phase der konstruktiven Malerei. Dem Künstler gelingt es, Ordnung und Freiheit, mathematische Struktur und malerische Sensibilität perfekt auszubalancieren. Das Werk demonstriert eindruckvoll, dass Geometrie in Schorradts Universum kein starres Dogma ist, sondern ein lebendiges, transparentes Zusammenspiel von Licht, Raum und Farbe. Ein zeitloses, harmonisches Meisterwerk, das die Vielschichtigkeit des abstrakten Sehens feiert.
rot-schwarz-weiss
Öl auf Leinwand
22 x 30 cm
Mit dem Ölgemälde rot-schwarz-weiss präsentiert Raymond Schorradt ein Werk von bemerkenswerter, fast kompromissloser Verdichtung. Während Arbeiten wie Vierecke oder Punkt und Linien zur Fläche durch komplexe, vielschichtige geometrische Anordnungen und transparente Überlagerungen bestechen, vollzieht der Künstler hier eine radikale Verknappung der malerischen Mittel. Er verlässt sowohl die landschaftlich-topografische Ebene von Brettach als auch die gegenständliche Maskerade des Harlekin. Das Bild konzentriert sich auf das absolute Fundament: drei kontraststarke Nichtfarben bzw. Urfarben im spannungsgeladenen Dialog mit der raumbildenden Linie.
Formale Analyse und kalligrafischer Rhythmus
Beim Betrachten des Werkes rot - schwarz -weiss wird die visuelle Kraft des Werks sofort spürbar. Auf einem monochromen, intensiv dunkelroten Grund agieren kraftvolle, bogenförmige Linienbänder in Schwarz und Weiß.
Die chromatische Bühne
Der rote Hintergrund ist keine passive Fläche, sondern ein vibrierender Resonanzraum. Durch den horizontal geführten, dichten Farbauftrag entsteht eine feine, reliefartige Oberflächenstruktur, die an die haptischen Qualitäten seiner anderen abstrakten Arbeiten anknüpft.
Das kalligrafische Geflecht
Die schwarzen und weißen Balken sind mit schwungvollem, sicherem Pinselzug gesetzt. Sie winden sich haken- und bogenförmig ineinander, fast wie die Chiffren einer unbekannten, archaischen Schrift.
Der Hell-Dunkel-Kontrast
Ein gerader weißer Balken am oberen Rand stabilisiert die Komposition horizontal, während die vertikalen und geschwungenen Bögen darunter eine dynamische Vorwärtsbewegung erzeugen. Die Linien greifen ineinander, ohne sich zu berühren, wodurch eine subtile räumliche Schichtung suggeriert wird.
Duktus und energetischer Ausdruck
Ein markantes Merkmal dieses Kleinformats ist die Unmittelbarkeit des Malprozesses. Im Gegensatz zu den klar umgrenzten Formen des gelben Keils in Punkt und Linie und Winkel oder den geometrisch exakten Feldern in Vierecke sieht man hier den offenen, ehrlichen Pinselduktus. An den Enden der weißen Linien franst die Farbe leicht aus; die Spuren der einzelnen Borsten bleiben sichtbar und fangen den Moment der Bewegung perfekt ein. Die Beschränkung auf die drei namensgebenden Farben verleiht dem Werk eine fast asiatisch anmutende, meditative Ruhe, die gleichzeitig eine enorme innere Energie transportiert.
Fazit und kunsthistorische Würdigung
rot-schwarz-weiss ist ein glänzendes Zeugnis für Raymond Schorradts Vielseitigkeit und seine Fähigkeit, akademische Strenge in pure Emotion zu verwandeln. Es demonstriert eindrucksvoll, dass ein Bild keine Vielzahl von Formen benötigt, um eine monumentale Wirkung zu entfalten. In der Tradition des Suprematismus und der informellen Kalligrafie stehend, offenbart sich der Amriswiler Maler hier als ein Meister des energetischen Minimalismus. Ein kraftvolles, fokussiertes und zeitloses Juwel innerhalb des dokumentierten Œuvres.
rot
Öl auf Leinwand
Pinsel, Spachtel
40 x 50 cm
Mit seinem Werk rot liefert der Maler Raymond Schorradt eine beeindruckende Fortführung seiner künstlerischen Untersuchung von Raum, Struktur und reduzierter Farbsymbolik. Wer das bisherige Schaffen von Schorradt verfolgt hat, erkennt sofort die Handschrift eines Künstlers, der das Chaos der Welt nicht abbildet, sondern es in eine poetische Ordnung überführt.
Die Komposition
rot besticht durch eine für Schorradt typische, fast meditative Leichtigkeit. Das Bild wird von einem lichten, strukturierten Hintergrund getragen, der durch feine Spachteltechniken eine haptische Tiefe erhält. Wie schon in seinen früheren Zyklen nutzt Schorradt die weiße (oder gebrochen weiße) Fläche nicht als bloße Leere, sondern als Resonanzraum für seine Akteure. Das Bildzentrum wird durch eine schwarze, kalligrafisch anmutende Linie definiert, die sich organisch nach oben windet. Sie wirkt wie das Rückgrat der Komposition, ein Ankerpunkt, der die schwebenden Elemente im Gleichgewicht hält.
Die Farbsprache
Obwohl der Titel rot die Richtung vorgibt, ist es die meisterhafte Dosierung der Primärfarbe, welche die Wirkung erzielt. Schorradt setzt das Rot nicht flächig-aggressiv ein, sondern als ein System von Akzenten. Ein großer, diffus getupfter roter Kreis im oberen Drittel korrespondiert mit einem klar umrissenen, kräftig roten Ring im unteren linken Quadranten. Dazwischen verteilen sich kleine rote Punkte wie herabfallende Samenkörner oder weit entfernte Planeten auf einer Sternenkarte. Diese roten Elemente wirken wie Lebenszeichen in einer ansonsten kühlen, strukturierten Welt. Sie verleihen dem Bild eine Wärme und eine rhythmische Dynamik, die typisch für Schorradts Fähigkeit ist, mit minimalen Mitteln maximale emotionale Wirkung zu erzielen.
Geometrie und Textur
Zusätzlich zum Rot finden wir die für den Künstler charakteristischen geometrischen Zitate: Ein grünes, vertikal gestreiftes Dreieck und ein gelbes Linien-Dreieck setzen komplementäre Akzente. Sie wirken fast wie architektonische Versatzstücke in einer ansonsten organischen Landschaft. Die feinen blauen und grünen Texturen, die den Hintergrund durchziehen, erinnern an Schorradts Vorliebe für verwitterte Oberflächen und die Spuren der Zeit.
Einordnung in das Gesamtschaffen
Vergleicht man rot mit anderen Werken von Raymond Schorradt, wird deutlich, dass er hier eine Brücke schlägt: Weg von der reinen abstrakten Schichtung hin zu einer zeichenhaften, fast schon erzählerischen Abstraktion. Seine Bilder haben oft etwas „Suchendes“, sie laden den Betrachter ein, den Weg der Linie und die Platzierung der Punkte nachzuvollziehen. In rot scheint der Künstler an einem Punkt höchster Souveränität angelangt zu sein. Er vertraut der Kraft der Aussparung. Nichts ist überladen; jedes Element hat seinen Platz im kosmischen Gefüge der Leinwand.
Fazit
rot ist ein leises, aber kraftvolles Werk. Es ist eine Einladung zur Kontemplation. Raymond Schorradt beweist einmal mehr, dass er ein Meister der Balance ist – ein Künstler, der es versteht, die Stille zwischen den Farben hörbar zu machen. Ein wunderbares Beispiel für moderne Abstraktion, die sowohl den Verstand als auch die Seele anspricht. Ein echtes Highlight für Kenner seines Stils und eine wunderbare Ergänzung seines Portfolios.
Kleiner Hund
Öl auf Leinwand
nass-in-nass
40 x 50 cm
Mit dem Werk Kleiner Hund liefert der Künstler Raymond Schorradt erneut einen faszinierenden Beleg für seine außergewöhnliche Technik und seine tiefe künstlerische Vision. Wer das Schaffen von Schorradt über die Jahrzehnte hinweg verfolgt hat, weiß, dass seine Arbeiten oft die Grenze zwischen dem Sichtbaren und dem Gefühlten ausloten. Doch dieses Bild stellt einen ganz besonderen Höhepunkt in seinem Portfolio dar.
Die Technik
Auf den ersten Blick mag der Betrachter vermuten, hier seien Techniken wie das Spritzen, Tupfen oder der Einsatz von Schwämmen zum Zuge gekommen – Verfahren, die in der zeitgenössischen abstrakten Kunst häufig genutzt werden, um Zufallseffekte zu erzielen. Doch die Wahrheit hinter diesem Werk offenbart sich bei ganz genauem Hinsehen und ist weitaus beeindruckender: Jede Nuance, jeder scheinbare Farbspritzer und jede feine Textur wurde tatsächlich vollständig und ausschließlich mit dem Pinsel erarbeitet (Nass-in-nass-Technik). Diese Information verändert die Wahrnehmung des Bildes grundlegend. Was als flüchtiger Moment erscheint, ist in Wahrheit das Ergebnis von höchster Disziplin, Geduld und einer geradezu meditativen Präzision. Schorradt beweist hier ein handwerkliches Können, das in seiner Akribie an die alten Meister erinnert, während die Ästhetik vollkommen modern bleibt.
Bildkomposition und Titel
Der Titel Kleiner Hund lädt den Betrachter zu einem spannenden Suchspiel ein. In der Tradition von Schorradts bisherigem Schaffen wird das Motiv nicht plakativ präsentiert. Vielmehr kristallisiert sich die Form aus einem komplexen Geflecht von warmen Erdtönen, leuchtenden Rot-Akzenten und kühlen Graublau-Schattierungen heraus. Es ist eine Hommage an die Pareidolie – die Fähigkeit oder auch Neigung des menschlichen Gehirns, in abstrakten Mustern vertraute Wesen zu erkennen. Der kleine Hund ist nicht nur ein Abbild, er ist eine Präsenz, die mal deutlicher, mal flüchtiger in den feinen Pinselstrichen auftaucht. Die Dynamik des Farbauftrags verleiht der Szenerie eine lebendige, fast atmende Qualität.
Fazit
Kleiner Hund ist ein triumphales Werk. Es besticht durch die unglaubliche technische Leistung – die reine Pinselführung, die eine Spritz-Optik täuschend echt imitiert – und überzeugt gleichzeitig als poetisches Kunstwerk. Raymond Schorradt zeigt sich hier als Meister der Nuance. Ein Bild, das zum Verweilen einlädt und bei jedem Betrachten neue Geheimnisse preisgibt. Ein echtes Juwel für jede Sammlung zeitgenössischer Kunst.
Fussball
Öl auf Leinwand
40 x 50 cm
Mit dem Ölgemälde Fussball wählt Raymond Schorradt einen thematischen Ansatz, der eine faszinierende Brücke in seinem Schaffen schlägt. Während Arbeiten wie Vierecke oder rot-schwarz-weiss rein im Feld der absoluten, non-figurativen Abstraktion verbleiben und Brettach eine reale Topografie codiert, widmet sich Schorradt hier der Einfrierung einer Bewegung, eines kollektiven Phänomens. Er übersetzt die inhärente Dynamik, die Taktik und das Spielfeld des Fußballs in ein hochkonzentriertes konstruktivistisches Zeichensystem, das in seiner Klarheit an die russische Avantgarde erinnert.
Formale Analyse
Beim Betrachten des Werkes Fussball wird deutlich, wie kunstvoll Schorradt die komplexe Dynamik eines Sportspiels auf geometrische Urformen reduziert hat:
Die kosmische Kugel: Das Zentrum des Bildes wird von einer großen kreisrunden Scheibe in hellen Blau- und Türkistönen dominiert. Sie fungiert gleichermaßen als Repräsentation des Balls selbst als auch als metaphorischer Mikrokosmos des eigentlichen Spielgeschehens.
Die tektonische Aufteilung: Im Inneren dieses Kreises schichten und überlagern sich eckige Flächen – Rechtecke und Quadrate in hellem Gelb, Smaragdgrün und sanftem Graugrün. Sie wirken wie die schematische Darstellung von Spielzügen, taktischen Zonen oder den Spielern selbst, die in ständiger Interaktion begriffen sind.
Die Richtungsachsen: Ein dominanter, vertikaler weißer Balken schneidet die linke Bildhälfte messerscharf und dynamisiert die runde Form, fast wie eine Begrenzungslinie oder der kraftvolle Schussverlauf eines Balls. Am unteren Rand kontert ein horizontaler, tiefdunkelgrüner Balken diese Bewegung und erdet die Komposition stabilisierend nach unten.
Kolorit und flächige Resonanz
Der gesamte geometrische Aufbau ist auf einem leuchtenden, warmen orangeroten Hintergrund platziert. Dieses warme Feld erzeugt eine enorme Signalwirkung und drückt die emotionale Hitze, die Energie und die Spannung aus, die mit dem Thema Sport assoziiert werden. Gleichzeitig bleibt Schorradt seinem unverkennbaren malerischen Duktus treu: Die Farbflächen sind flächig, aber nicht steril angelegt. Man spürt das sanfte Arbeiten des Pinsels auf dem Gewebe der Leinwand. Besonders am unteren Ende der weißen vertikalen Linie bricht die Strenge auf – die Farbe scheint dort beinahe organisch auszulaufen, was dem ansonsten geometrisch kalkulierten Werk ein Moment von Spontaneität und Frische verleiht.
Fazit und kunsthistorische Würdigung
Das Werk Fussball beweist eindrücklich, dass Raymond Schorradts abstrakter Minimalismus keineswegs weltabgewandt ist. Dem Maler gelingt es, ein zutiefst dynamisches, popkulturelles und weltliches Thema in die zeitlose Eleganz geometrischer Formen zu gießen. Durch das geschickte Zusammenspiel von kreisrunder Bewegung, eckigen Überlagerungen und dem komplementären Kontrast zwischen dem kühlen inneren Blau und dem heißeren Rot fängt das Bild die Essenz des Spiels perfekt ein. Ein kraftvolles, rhythmisches und überaus gelungenes Meisterwerk innerhalb des dokumentierten Schaffens.
Wimpel
Öl auf Leinwand
40 x 50 cm
Mit dem Gemälde Wimpel knüpft Raymond Schorradt an seine Fähigkeit an, konkrete Gegenstände oder Symbole des Alltags in die universelle Sprache der Abstraktion zu übersetzen. Er nimmt ein bekanntes Motiv und zerlegt es in seine geometrischen, emotional geladenen Einzelteile.
Dynamische Achsen und strahlende Zentren
Es offenbart sich eine meisterhafte, beinahe konstruktivistische Komposition, die von diagonalen Kraftlinien und klaren Feldern getragen wird:
Das strahlende Zentrum: Im Herzen des Bildes bricht ein rot-oranger, fächerförmiger Körper auf, aus dem weiße, strahlenartige Keile nach außen dringen – erinnernd an eine aufgehende Sonne oder eine maritime Kompassrose.
Die flankierenden Geometrien: Auf der linken unteren Seite stabilisiert ein mattgrünes Rechteck den Bildraum, während oben und rechts gelbe und ockerfarbene Flächen das Zentrum einrahmen.
Die Linienstrukturen: Ein prägnanter, dunkelgrüner Halbbogen rechts fängt die Dynamik des Zentrums ab, während am unteren rechten Rand vier parallele, horizontale Linien wie Notenzeilen für Ruhe und Rhythmus sorgen.
Kolorit und atmosphärische Wärme: Die Farbwahl vermittelt eine spürbare, mediterrane oder sommerliche Wärme, eingebettet in einen weichen, pastellfarbenen Hintergrund aus zarten Lachs-, Rosa- und Cremetönen. Die schwarzen Konturen wirken gezeichnet, suchend und lebendig – sie rahmen die Farben ein, lassen ihnen aber gleichzeitig Raum zum Atmen.
Fazit
Das Werk Wimpel zeigt Raymond Schorradt als Lyriker der geometrischen Form. Durch die harmonische Balance zwischen strahlendem Rotgelb und beruhigenden Erdtönen strahlt das Gemälde eine tiefe, innere Balance aus.
tête bleu
Öl auf Leinwand
50 x 60 cm
Das Werk tête bleu ist eine faszinierende, abstrakte Komposition, die sich fast ausschließlich über Nuancen der Farbe Blau und eine dynamische Linienführung definiert. Während das Bild auf den ersten Blick wie ein rein informelles Geflecht aus Pinselstrichen wirkt, offenbart erst bei intensiverer Betrachtung eine im Titel angedeutete figürliche Ebene: eine menschliche Silhouette im Profil.
Kunsthistorische Einordnung
Das Werk lässt sich im Spannungsfeld zwischen dem deutschen Expressionismus und dem europäischen Informel verorten.
Geisteszustand im All-Over-Prinzip
Die Struktur: Ein helles, verwaschenes Lichtblau bildet das atmosphärische Fundament. Harte Kontraste entstehen durch tiefblaue Kraftlinien, die in schnellen Strichen und Schraffuren über die Leinwand jagen.
Die figurative Chiffre: Am linken Rand formt eine markante Vertikale das Profil einer Stirn und einer spitzen Nase. Waagerechte, dunkle Keilformen markieren die Augenpartie und verleihen dem Antlitz einen meditativen Ausdruck, während eine schwungvolle Linie über den Oberkopf in eine wirbelnde, abstrakte Hinterkopfpartie übergeht.
Farblichkeit und Atmosphäre
Durch eine starke Diagonaldynamik von links unten nach rechts oben besitzt die Gestalt eine flüchtige Qualität, als würde sie im Moment ihrer Entstehung wieder mit dem Hintergrund verschmelzen. Ganz im Sinne des Expressionismus (analog zum *Blauen Reiter*) fungiert Blau hier als Symbolfarbe für Spiritualität – das Bild porträtiert keinen Körper, sondern einen Geisteszustand.
Informel und Tachismus
Fokus auf den Akt des Malens und die Geste. Der Kopf schält sich erst mühsam aus dem „Formlosen“ heraus. Es gibt keine klare Trennung zwischen Figur und Grund (All-Over-Prinzip), was dem Werk eine moderne, prozesshafte Dynamik verleiht.
Als faszinierendes Dokument des künstlerischen Entstehungsprozesses fungiert das begleitende Blatt Hilfestellung zu tete bleu. In dieser grafischen Ausarbeitung isoliert und akzentuiert Schorradt mit dunklen, beinahe kohleartigen Konturlinien genau jene kalligrafischen Fragmente, die im Hauptwerk das menschliche Profil definieren.
Vom Chaos zur Form
Die „Hilfestellung“ dekonstruiert die visuelle Dichte des Ölgemäldes und macht die verborgene Tektonik der Zeichnung lesbar.
Die Klarheit des Profils: Die zackige Linie der Stirn, der Nasenrücken und die markante Aussparung des Kinns treten hier als präzise gesetzte Chiffren hervor.
Die Bewegung: Auch die wellenförmige Strömung auf der rechten Seite, die den wirbelnden Hinterkopf andeutet, wird in ihrer rhythmischen Linienführung isoliert und analysiert.
Dieses Werk verdeutlicht Schorradts methodisches Vorgehen an der Schnittstelle zwischen Intuition und Kalkül. Es nimmt dem Betrachter nicht die Interpretationsfreiheit, sondern schult das Auge für das subtile Gleichgewicht zwischen dem ungezähmten, informellen Farbraum und der ordnenden, figurativen Geste. Ein unverzichtbares Studienblatt, das die Meisterschaft des Malers im Umgang mit der reduzierten Linie eindrucksvoll untermauert.
Fazit:
tête bleu entzieht sich einer flüchtigen Betrachtung durch seine konsequente Reduktion auf die Farbe Blau und die reine, dynamische Geste. Raymond Schorradt nutzt das Spannungsfeld zwischen emotionaler Farbsymbolik und radikaler Formauflösung. Ein Geflecht aus tiefblauen Kraftlinien markiert die Fragmente einer menschlichen Gestalt, während der Hinterkopf in eine wirbelnde Abstraktion übergeht. Das Werk steht in der Tradition der Reduktion, geht jedoch den entscheidenden Schritt weiter in die vollkommene malerische Freiheit, in der sich Materie und Geist im Blau auflösen.
Prisma
Öl auf Leinwand
40 x 50 cm
Mit seinem Werk Prisma führt Raymond Schorradt den Betrachter in eine Welt der dekonstruierten Wahrnehmung. Das Gemälde markiert einen signifikanten Wendepunkt in Schorradts Schaffen: die Abkehr von der gegenständlichen Abbildung zugunsten einer architektonischen Ordnung aus Licht und Form. Das Bild ordnet sich stilistisch in den Bereich der klassischen Moderne ein und zeigt deutliche Anleihen am Kubismus sowie am Konstruktivismus, bewahrt sich dabei jedoch eine ganz eigene, fast schon lyrische Leichtigkeit.
Komposition und Struktur
Das Bild ist eine meisterhafte Übung in geometrischer Ausgewogenheit, die harte Linien und weiche Farbverläufe kombiniert:
Die Brechung
Getreu dem Titel scheint sich ein unsichtbarer Lichtstrahl von links oben durch das Zentrum zu bohren. Die fächerartigen, transparenten Keile suggerieren den Effekt einer Lichtbrechung, wie man sie bei einem Glasprisma beobachten würde.
Geometrisches Vokabular
Kreise, Dreiecke und unregelmäßige Polygone überlagern sich. Durch die Technik der lasierenden Schichtung halbtransparenter Farbfelder entsteht eine erstaunliche räumliche Tiefe und eine reizvolle „Vordergrund-Hintergrund-Ambivalenz“, als würden die Formen schwerelos schweben.
Die schwarzen Linien
Die feinen, fast technischen schwarzen Linien ragen an manchen Stellen über die Farbflächen hinaus. Sie wirken wie ein unter der Farbe liegender Bauplan und geben dem Werk etwas Prozesshaftes, als blicke man auf die Momentaufnahme eines dynamischen Vorgangs.
Farbpalette und die „Gelben Sphären“
Die Farbwahl ist bewusst zurückhaltend und harmonisch, wobei eine pastellige, erdige Palette von kühlen Blau- und Grüntönen dominiert, die dem Werk eine sachliche, architektonische Ruhe verleihen.
Ein besonders spannendes Detail bilden die beiden gelben, kreisförmigen Formen im unteren linken Quadranten. Sie fungieren als emotionaler und energetischer Kern des Bildes. Während der Rest des Bildes von harten Kanten beherrscht wird, wirken diese Sphären fast organisch – wie Früchte oder Himmelskörper. Ihr warmes Gelb und Ocker fängt das Sonnenlicht ein, bildet das optische Gegengewicht zu den kühlen, kantigen Formen der rechten Seite und verhindert, dass das Bild zu einer rein mathematischen Übung verkommt.
Fazit und Bedeutung
Raymond Schorradt beweist mit Prisma ein tiefes Verständnis für die mathematische Schönheit der Abstraktion. Es ist eine künstlerische Reflexion über die physikalischen Gesetze unserer Welt, die den Übergang vom konkreten Objekt hin zur reinen Essenz und Konstruktion vollzieht. Schorradt gelingt es hier bravourös, die Ratio der Moderne mit einer zeitlosen, meditativen Ästhetik zu vereinen.
DNS
Öl auf Leinwand auf Karton
50 x 60 cm
In seinem Werk DNS wählt Raymond Schorradt einen radikal abstrakten Ansatz, um das fundamentale Bauprinzip des Lebens künstlerisch zu interpretieren. Anstatt sich an die bekannte, naturwissenschaftlich tradierte Doppelhelix-Struktur zu klammern, dekonstruiert der Künstler das Thema und überführt es auf eine metaphysische und zeichenhafte Ebene.
Farbwahl und atmosphärischer Raum
Das Gemälde wird von einem tiefen, atmosphärischen Smaragdgrün dominiert. Der Hintergrund ist bewusst nicht flach angelegt; er weist eine feine Texturierung und Nuancierung auf, die an organisches Gewebe oder eine aquatische Umgebung erinnert – ein visuelles „Ur-Medium“, in dem biologisches Leben entsteht. Das Grün wirkt gleichermaßen beruhigend wie geheimnisvoll und fungiert als wirkmächtige Bühne für die grafischen Elemente im Vordergrund.
Komposition und semiotische Codierung
Das Zentrum des Werkes wird von filigranen, schwarzen Linien bestimmt, die sich in dynamischen, freien Schlaufen umeinander winden. Diese Linien wirken wie Nervenbahnen oder Fragmente einer molekularen Kette; ihre Verschlungenheit visualisiert Komplexität und organische Interdependenz. An den Enden dieser Linien sowie lose im Raum verteilt finden sich kleine Rauten und Rechtecke in den gedeckten Tönen Blau, Braun und Gelb. Diese geometrischen Setzungen wirken wie visuelle Codierungen oder Nukleobasen – die elementaren Informationseinheiten der DNA. Besonders auffällig ist ein isoliertes weißes Rechteck im unteren Drittel, das wie ein struktureller Ankerpunkt oder eine konzeptionelle Leerstelle wirkt, die auf ihre zukünftige Bestimmung verweist.
Stilistische Verortung und Modernität
Schorradts Stil erinnert in seiner Reduziertheit und linearen Leichtigkeit an die biomorphen Universen von Paul Klee oder Joan Miró. Ein direkter Vergleich mit Miró verdeutlicht jedoch Schorradts spezifischen Ansatz: Während der katalanische Meister das Unbewusste und die Traumwelt automatistisch artikuliert, macht Schorradt in DNS das Unsichtbare der realen Welt (die Mikrobiologie) sichtbar. In Schorradts Komposition agieren die schwarzen Linien als disziplinierte Leiter, welche die verschiedenen Informationseinheiten (die farbigen Rauten) in einer inneren Logik zusammenhalten. Es ist eine geordnete Abstraktion – ein vermeintliches Chaos, das einer strengen Struktur folgt.
Fazit
DNS ist eine faszinierende Symbiose aus Naturwissenschaft und Malerei. Dem Künstler gelingt es, auf einem Format von 50 x 60 cm die Essenz des Lebens als ein sensibles Netz aus Informationen und Verbindungen darzustellen, das trotz seiner Komplexität eine vollkommene ästhetische Ruhe ausstrahlt. In Zeiten digitaler Gensequenzierung wirkt das Gemälde wie eine zeitlose, analoge Antwort auf die Frage nach dem Ursprung des Seins.
fleurs pour Gisela
Öl auf Leinwand
30 x 40 cm
Im vielseitigen Œuvre von Raymond Schorradt nimmt das Ölgemälde fleurs pour Gisela eine Sonderstellung ein. Während seine bekannteren maritimen Arbeiten wie gebrochene Welle oder Meeresbewohner die dynamischen, fließenden Kräfte der Natur oder biomorphe Unterwasserwelten erforschen, widmet sich Schorradt hier einem klassischen Sujet der Kunstgeschichte: dem Stillleben. Durch den zutiefst persönlichen, französisch angehauchten Titel erhält das Werk eine lyrische, beinahe intime Aura, die es von den rein konstruktiven Architekturen früherer Phasen abhebt.
Ein Blick auf fleurs pour Gisela offenbart eine spannungsreiche Symbiose aus expressiver Geste und geometrischer Struktur. Das Zentrum des Hochformats wird von einer stark stilisierten Vase eingenommen, die Schorradt durch markante, tiefschwarze Konturlinien definiert. Diese kelch- oder trapezförmige Struktur bricht die organische Weichheit des Blumenmotivs auf. Aus der Vase bricht eine opulente, intensiv feuerrote Blüte hervor, deren Blätter sich flügelartig nach rechts oben strecken, während saftig grüne Blattschwünge elegant nach links unten fallen. Dieses asymmetrische Gleichgewicht verleiht der Komposition eine pulsierende Vitalität. Schorradt gelingt hier der Brückenschlag vom strengen Konstruktivismus hin zu einem emotional befreiten, floralen Expressionismus. Die schwarze Linie ordnet, was die Farbe emotional befreit.
Farbdynamik, Pinsel führung und Hintergrund
In der Nachfolge expressionistischer Vorbilder wie Henri Matisse oder den Vertretern des *Blauen Reiters* setzt Schorradt auf reine, ungebrochene Farbwerte. Das dominante Karmesinrot der Blüte steht in einem komplementären Dialog mit dem satten Grün des Blattwerks. Der Hintergrund ist nicht statisch, sondern in einem lichten, wolkenartigen Himmelblau gehalten, durch das vertikale, fast schemenhafte Streifen in Grün und leuchtendem Gelb hindurchschimmern. Der Farbauftrag ist bewusst dynamisch und sichtbar gelassen; die Pinselführung bleibt transparent und lebendig, was dem eigentlich unbewegten Stillleben eine vibrierende Frische verleiht.
Fazit und Gesamtwürdigung
fleurs pour Gisela zeigt Raymond Schorradt von einer unbeschwerten, zutiefst malerischen Seite. Das Werk beweist eindrücklich, dass die für ihn typischen, dicken Konturlinien – die wir bereits aus Werken wie Die Badenden oder Meeresbewohner kennen – nicht nur rein geometrisch-abstrahierend, sondern auch hochgradig lyrisch eingesetzt werden können. Es ist eine meisterhafte, farbgewaltige Liebeserklärung an die Natur und an die Kraft der Farbe selbst – ein strahlendes Kleinod im Gesamtwerk des Künstlers.
tour de vin
Collage
Weinetiketten französischer Weingüter auf Holz
60 x 45 cm
Mit der Arbeit tour de vin überrascht der Amriswiler Künstler Raymond Schorradt durch einen bewussten Bruch mit der klassischen Ölmalerei. Während seine bisherigen Arbeiten wie point yellow oder Wellen von einer strengen, minimalistischen Reduktion und einer exakt kontrollierten Geometrie auf Leinwand lebten, betritt Schorradt mit dieser großartigen Papier-Akkumulation die Domäne der Konzept- und Prozesskunst. Er greift damit die Tradition des kunsthistorischen *Objet trouvé* (Marcel Duchamp) sowie die Assemblagen der *Nouveaux Réalistes* auf, bleibt jedoch in der ästhetischen Anordnung seiner Linie treu.
Visuelle Struktur und konstruktive Ordnung
Ein Blick auf tour de vin offenbart trotz der Fülle an unterschiedlichen Schriftarten, Wappen und Papierfarben das gewohnte architektonische Ordnungsprinzip Schorradts. Die originalen, über Jahrzehnte gesammelten Weinetiketten renommierter französischer Châteaux (u.a. Margaux, Calon-Ségur, Clerc Milon, Laurent-Perrier) sind nicht chaotisch angeordnet, sondern folgen einer klaren horizontalen und vertikalen Rasterung. Die Typografie, das chamoisfarbene, weiße oder tiefschwarze Papier der Etiketten und die historischen Jahreszahlen (wie 1981, 1982, 1983) werden hier als eigenständige Farbwerte und Texturen verstanden. Sie formen ein Mosaik des gelebten Genusses.
„Das Werk unterliegt einer stetigen Veränderung... Ein lebendiges Archiv der Zeitlichkeit, das mit jedem geleerten Glas und jedem neuen Aufkleben weiterwächst
Die Dimension der Zeit
Das faszinierendste Element von tour de vin ist die inhärente Zeitlichkeit des Werks. Schorradt deklariert die Collage als *Work in Progress*. Indem er ankündigt, von Zeit zu Zeit weitere Etiketten aufzukleben, bricht er mit dem Dogma des „vollendeten, statischen Kunstwerks“. Das Bild lebt und atmet; es ist ein biografisches Tagebuch und zugleich ein organisch wachsendes System. Die Schichtung der Papiere überlagert alte Momente mit neuen Erfahrungen, wodurch eine haptische und konzeptionelle Dichte entsteht, die sich von der flächigen Transluzenz etwa einer Gebrochenen Welle stark unterscheidet.
Fazit und Synthese
tour de vin fügt dem dokumentierten Œuvre eine tiefgründige, persönliche Nuance hinzu. Raymond Schorradt beweist, dass seine Leidenschaft für Struktur, Rhythmus und Kontrast vor den Alltagsgegenständen und persönlichen Leidenschaften nicht Halt macht. Die Collage verwandelt Ephemera des kulinarischen Genusses in ein dauerhaftes, sich ständig transformierendes Monument der Lebenskunst. Ein intelligentes, warmes und konsequent strukturiertes Meisterwerk der zeitgenössischen Objektkunst.
ALMOST NOTHING – (II)
Alternativtitel: nicht ich, nicht jetzt
Öl auf Sperrholz
44 x 65 cm
Raymond Schorradt: Das Leben steckt voller Überraschungen und so fand sich 9 Jahre nach meiner ersten Tumor-OP wieder ein Tumor in meinem Körper. Diesmal ein NET (neuroendoktrinier Tumor im Pankreasschwanz). Wieder musste ich operiert werden. Diesmal etwas heftiger. Ein neues Bild. Die zusammenfallende (erlöschende) Linie ist immer noch weiss aber der Hintergrund ist diesmal in blau gehalten
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